Andacht April 2025
ANsehen und ANgesehen werden

Es gibt Dinge, die sind lebensnotwendig. Für jeden Menschen ist es wichtig, zu essen und zu trinken. Ein Mensch braucht Schlaf, Licht und Dunkelheit.
Das sind Grundbedürfnisse, die in unserer westlichen Welt meist leicht zu befriedigen sind.
Jeder Mensch braucht zudem Liebe, Zugehörigkeit, Anerkennung, ANgesehen werden, Gemeinschaft, ein Gegenüber. Wir sind als soziale und auf Gemeinschaft angelegte Menschen von Gott erschaffen.
Beides macht unser Leben aus: sehen und gesehen werden. Ich möchte sogar noch etwas weitergehen, "an"sehen und "an"gesehen werden - für mich macht das einen Unterschied - für dich auch?
In der heutigen Psychologie weiß man, dass sich eine sichere Bindung und ein gesundes Selbstwertgefühl bei einem Kind nur dann gut ausbilden kann, wenn es von klein auf angeschaut wird. Wenn das Kind durch einen Blick in ein vertrauensvolles, Sicherheit gebendes Gesicht, liebevolle Aufmerksamkeit spürt, ist die Grundlage für ein stabile und gelingende Beziehungsfähigkeit gelegt. Je weniger Zuwendung, stabiler Blickkontakt und vertrauensvolle Ansprache ein Kind erfährt, umso schwächer ausgebildet ist oft das Selbstbewusstsein eines Kindes. Es kann sich sogar eine unsichere Bindungsfähigkeit ausbilden.
"Sehen ist nicht nur eine Funktion unserer Augen, wir sehen auch mit dem Herzen.
Wie wir Menschen ansehen, wie wir zu ihnen stehen, zeigt sich in unserem Handeln. Wo mit anderer Sicht hingesehen wird, da verändert sich etwas. Da entsteht Mitmenschlichkeit und Nähe, ein Sehen mit dem Herzen, aus der Perspektive Gottes." 1
Wir Menschen leben davon, dass Gott uns liebevoll anschaut.
In der Bibel gibt es eine Menge Geschichten, in denen es um "Augen des Herzens" geht.
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.
1. Samuel 16,7
Der Bibelvers lässt sich auch so übersetzen:
„Der Mensch sieht mit den Augen, Gott aber sieht mit dem Herzen.“2
Die für uns bekannte Geschichte von Hager, Sarahs Sklavin, die ein Kind ihres Mannes Abraham gebar, ist eine davon.
In einer Andacht von Pfarrer Gottfried Heinzmann schreibt dieser folgendes3:
„Sara sieht Hagar. Als Sklavin hat sie keine Rechte. Sie ist Besitz, über den die Herrin verfügen kann. Sie soll ein Kind bekommen. Gefragt wird sie nicht. Angesehen wird sie auch nicht. Sie wird benutzt.
Hagar sieht Sara. Sie spürt die Schwachstelle ihrer Herrin. Das will sie ausnutzen. Durch das Kind bekommt sie eine Macht, die sie nicht aus der Hand geben will.
Abram sieht keine von beiden. Er geht den bequemsten Weg. Er macht das, was am wenigsten Stress bringt.“
Was wäre geschehen, wenn sie einander ANgesehen hätten?
Wäre die Geschichte auch in der Flucht von Hagar in die Wüste geendet?
Oder wäre es möglich gewesen, den Neid, die Schmach und Angst in etwas Gutes/Friedvolles zu verwandeln?
Hätte ein "einander ANsehen", miteinander sprechen und die Nöte des anderen wahrnehmen und erkennen eine Wandlung (ein Sehen mit dem Herzen Gottes) gebracht?

Wir wissen, dass erst der Anblick Gottes für Hagar der Lebensgeschichte eine Wendung gab. Gott "erkannte" Hagar und ihr Leid, er blickte sie tief im Herzen an. Gottes Blick veränderte die Situation von Hagar und letztlich auch Abraham und Sarah und gab jedem von ihnen einen Platz in seiner Geschichte.
In der Geschichte in Markus 5,24 bis 34, der Geschichte der Frau, die 12 Jahre an Blutungen litt, zeigte sich Jesus Blick mitten ins Herz. Ihre Krankheit brachte es mit sich, dass sie von keiner Person in ihrem Umfeld mehr angesehen wurde, weil sie als unrein galt und somit aus jeder Gemeinschaft ausgeschlossen war.
Die Frau bewies großen Mut, als sie sich durch die Menschenmenge bis zu Jesus hindurchkämpfte und den Saum, die Quaste, seines Gewandes berührte. Sie glaubte daran, dass eine Berührung reicht, um sie zu heilen, zeigte großen Glauben und Vertrauen.
Jesus spürt den Hauch dieser Berührung, er sieht sich um und er weiß, wer ihn berührt. Er sieht sie direkt (mit seinem Herzen) an, er "erkennt" sie. Dann geschieht doppelte Heilung am Körper und der Seele.
So sieht und erkennt Jesus auch jeden von uns.
In der Bibel gibt es viele Stellen, in denen Jesus Menschen anblickt und ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte, Nöte und Ängste ohne Worte und Gespräch wahrnimmt.
„Er sah ihn an und liebte ihn.“ Markus 10,21
„Als er das Volk sah, jammerte es ihn.“ Matthäus 9,36
Echtes Erkennen und Wahrnehmen berührt - es rührt an, bewegt.

Schaut Gott mich an,
ist es ein heiliger Moment, eine Gottesbegegnung,
die mich tief berührt und etwas (in mir) verändert.
Gottes Wunsch an uns Christen ist, dass wir mit offenen Augen und Herzen durch unser Leben gehen. Er liebt es, wenn unseren freundlichen Worten auch Taten folgen und wir unsere Mitmenschen mit echten Herzensblicken begegnen. Sie gehen über ein leichter hingesagtes "Wie geht's?" hinaus. Sie zeigen echtes Wahrnehmen und Hinsehen, sie erfordern ein Stehenbleiben und Zuhören.
Timothy Schötten benutzt den Satz "Wir können der Mund und die Augen Gottes sein." 4, die
- Menschen wahrnehmen, die sonst vielleicht übersehen werden, weil sie eher still, alt oder unauffällig sind.
- Kindern einen liebevollen Blick oder ein Lob schenken, wenn ihre Zappeligkeit, ihre Lautstärke, ... alle an den Rand bringt und sie merken, irgendwie bin ich zu viel / nicht richtig.
- ...
So sieht Jesus auch jeden von uns.
„Freuen wir uns herzlich darüber und bitten ihn zugleich: „Lehre mich, heute meine Mitmenschen wie du mit dem Herzen zu sehen.“5 Gott will dich mit seinem Blick für dein Umfeld ausstatten. Mit seiner Liebe und seiner Kraft darfst Du mutig sein und den Menschen begegnen, die sonst wenig Wahrnehmung und Wertschätzung bekommen.
Ist es dir (gerade) möglich, andere wahrzunehmen, ihnen echt und aufmerksam zu begegnen? Oder brauchst du eigentlich gerade selbst jemanden, der dich mit Gottes Augen anschaut und wahrnimmt?
Wenn du selbst es brauchst, wahrgenommen zu werden, erkannt in deinem Herzen, dann warte nicht auf Menschen, sondern wende dich Gott zu. Sprich die nächsten Tage bewusst das Gebet: DANKE Gott dass du mich siehst und liebst! 6
Wenn du gerade selbst von Gottes Liebe und seinem Blick auf dich erfüllt bist und weitergeben kannst, gehe bewusst durch deinen Tag und schenke einer Person echte Aufmerksamkeit, schau die Menschen direkt an und ermutige, verteile Komplimente, ...
„Weil wir selbst bei Gott Ansehen haben, können wir anderen in die Augen sehen, ihnen Ansehen und Würde schenken. Und das gerade bei den Menschen, bei denen es uns und anderen schwerfällt.
Weil wir bei Gott Ansehen haben und aufgerichtet werden, können wir anderen Menschen Ansehen geben und ihnen helfen, sich aufzurichten und mutig durchs Leben zu gehen.
Weil wir bei Gott Ansehen haben und spüren, dass An-sehen Lebensnahrung für Menschen ist – wie ein Grundnahrungsmittel für die Seele, wollen wir uns das auch gegenseitig nicht verweigern, sondern schenken. Dass wir die Menschen, die mit uns leben und arbeiten, ansehen, sie wertschätzen und ihnen dadurch Nahrung für Ihre Seele geben.“7

Lasst uns den Augenkontakt Gottes, der Menschenleben verändern kann, zu anderen Menschen suchen.
Lasst es Gott durch uns möglich machen, dass Menschen, die den Blickkontakt zu ihm und uns verloren haben, vielleicht weil sie unsicher, angstvoll, alleine, enttäuscht oder sich selbst in sich nicht sicher sind, sich wieder aufrichten und den Blick in die Augen ihres Gegenübers wagen.
Lass sie Gottes ANsehen spüren.
Lasst uns Menschen sein, deren Augen Gottes Licht und Liebe widerspiegeln, Mut machen und davon berichten, dass Gott uns liebt.
Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Ich wünsche dir eine gesegnete Osterzeit.
Mögest du in dieser Zeit, die Dunkelheit und Freude vereint, Zeit und Ruhe haben, Gott zu begegnen. Mögest du (neu) erkennen, wie Jesus dich anblickt und dir durch seine Liebe begegnet.
Sei gesegnet, du von Gott angesehenes und geliebtes Kind.
Seeigel, April 2025
Bilder:
https://pixabay.com/
Quellen:
1) „Du siehst mich – Arbeitsheft zur Kirchentagslosung 2017, Nora Krämer, Pfarrerin im Kirchenkreis Berlin – Neukölln
2) https://www.erf.de/hoeren-sehen/erf-plus/audiothek/wort-zum-tag/gott-sieht-das-herz-an/73-4420
3) Gottfried Heinzmann, Gottesdienst Brüdergemeinde, 5.08.2018, Wilhelmsdorf (https://www.bg-wdf.de)
4) Timothy Schötten, El Roi – Der Gott, der mich sieht (https://www.steps-leaders.de/beitrag/el-roi-der-gott-der-mich-sieht)
5) https://www.erf.de/hoeren-sehen/erf-plus/audiothek/wort-zum-tag/gott-sieht-das-herz-an/73-4420
6) Timothy Schötten, El Roi – Der Gott, der mich sieht (https://www.steps-leaders.de/beitrag/el-roi-der-gott-der-mich-sieht)
7) Gottfried Heinzmann, Gottesdienst Brüdergemeinde, 5.08.2018, Wilhelmsdorf (https://www.bg-wdf.de)
Gottfried Heinzmann: Du siehst mich