Andacht Oktober 2022

Der Flug der Zugvögel

Im Urlaub - ich sitze auf meinem Fahrrad und schaue ins Land. Da sehe ich sie, auf dem Feld sitzend, zwei Kraniche. Mein Herz hüpft ein bisschen… Wenn es möglich ist, dass wir Ende August an der Ostsee sind, sind wir immer gespannt, ob wir dieses besondere Schauspiel am Himmel, die besonderen Rufe der Kraniche, ihre eindrückliche Flugformation zu hören und zu sehen bekommen. Die Menschen dort oben erwarten ihre gefiederten Freunde ab September. Jedes Jahr fahren Zugvögelliebhaber dann extra in diese Regionen, um die Ankunft der Kraniche auf ihrer Zwischenstation z.B. dem Darß zu erleben. Die Botschaft ist klar und immer die gleiche: Die Kraniche sind auf dem Weg in südliche Länder, denn jetzt wird es bald Herbst. Im Frühling der Gegenzug: Die Zugvögel kehren wieder zurück, es darf Frühling werden!

Die Zeit der Zugvögel ist wieder gekommen. So traurig ihr Abschied im Herbst ist, genauso schön ist auch ihre Wiederkehr im Frühling. Immer sind sie Vorboten. Einmal kündigen sie die Kälte und Dunkelheit an, einmal bereiten sie auf Sonne und Helligkeit vor.

Der Prophet Jeremia hat sich ebenfalls für die Flugrouten von Zugvögeln interessiert, Jeremia 8, 7:

„Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“

 

Er stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, wie wir unser Leben hier auf der Erde gestalten wollen / sollen. Warum nutzt er gerade diesen Vergleich? Können wir vielleicht etwas von den Zugvögeln lernen?

Alle Zugvögel kennen genau ihre Wege und ihren zeitlichen Plan, wann sie losfliegen und wann sie wiederkehren. Sie folgen ihrem Instinkt, verlassen sich aufeinander, nutzen ihre Flugsysteme in Pfeilformation, mit wechselnden Vögeln an der Spitze, um sicher ans Ziel zu kommen.
Zugvögel haben also ein inneres Navigationssystem. Für sie ist der Instinkt ihr Antrieb. Sie achten auf Gesetzmäßigkeiten und Kräfte im Kosmos und übernehmen Erfahrungswerte, die sie als Jungvögel von den Alttieren gelernt und die sich seit Jahrhunderten bewährt haben. Dabei bleiben sie aber auch offen für Neues und reagieren auf Klimaveränderungen, neue geeignete Futter- und Rastplätze.
So einfach, wie das Leben der Zugvögel aber scheinbar scheint, ist es vermutlich nicht. Eine leichte Reise haben Zugvögel auf gar keinen Fall: Gegenwind, Schnee, heftiger Regen, Futterengpässe und manche andere Gefahr erschweren ihren Flug auf ihrer Route. Dennoch aber bleiben die Zugvögel in ihrer Spur, jedes Jahr neu wagen sie ihre Aufbrüche in die eine oder andere Richtung – von Generation zu Generation.

Wir dagegen sind doch oft recht hilflos und verloren, manchmal unbeständig unterwegs.
Haben auch wir eine Art Instinkt, ein Navigationssystem, das uns sicher ans Ziel bringt?

Auch unsere Lebensreise ist oft keine leichte! Auch wir kennen Stürme, Regen, Dunkelheit und unvorhergesehene Gefahren.
Der gefiederte Instinkt ist sicher mit unserer Sozialisation zu vergleichen.1 Sie gibt uns Orientierung, in der wir unser Leben gestalten dürfen und müssen.
In unserer Sozialisation können wir immer wieder andere Stimmen hören und müssen uns entscheiden, was uns Richtung und Halt gibt. Am Anfang sind es klar die Stimmen unserer Eltern, später die unserer Lehrer, unserer Freunde und anderen Menschen, die uns im Leben begegnen. Tatsächlich haben wir durch unsere digitale Medienwelt noch mehr Stimmen dazu bekommen, die unser Leben beeinflussen können. Wem sollen wir also folgen? Was ist unser Instinkt, unser Antrieb? Unzählige Stimmen, unzählige Meinungen, eine Vielzahl von Orientierungsmöglichkeiten, da ist es oft nicht leicht, den Kurs zu behalten.

Habe ich mich richtig entschieden?
Soll ich vielleicht doch den anderen Weg einschlagen?
Wie soll es weitergehen?
Gehe ich mit dem Mainstream oder folge ich meinem eigenen Weg?

Wir sind soziale Wesen und können uns dieser Sozialisation und dieser Art und Weise, im Leben anderen zu folgen, nicht entziehen.

 

Haben auch wir eine Art Instinkt, ein Gelenkt werden, eine sich bewährte Spur, der wir vertrauensvoll folgen? Wie wäre es, wenn wir unserem Gott so vertrauen und folgen würden wie die Vögel ihrem Instinkt?
Wie sähe ein Leben mit einem Gottesinstinkt aus? Ein Leben, das sich instinktiv nach seinem Schöpfer ausrichtet und in allen Fragen des Lebens immer als erstes ihn im Blick hat? Einem Instinkt, dem wir folgen, weil wir merken, das ist die richtige Richtung. Hier ist es gut, hier bin ich richtig im Leben.
Wie wäre es, wenn Gott auf meiner Lebensreise mein Antrieb ist? Wie wäre es, wenn Gott meine erste Stimme unter vielen anderen möglichen ist?

Gott verspricht uns:

"Wenn ihr euch an mich haltet, fliegt ihr mit mir zu der sonnigen Seite des Lebens. Ihr fliegt in den Süden, wenn es woanders trüb und dunkel und kalt ist. Ja der Weg dahin ist beschwerlich, aber euer Gott als euer Instinkt will euch leiten. Er führt und bewahrt euch durch das Leben, durch die guten und die schweren Tage Schritt für Schritt."2

 

Gott will uns ein Leben in Fülle schenken. Er ist es, der möchte, dass unser Leben gelingt. Die Zugvögel zieht es dorthin, zu jedem Zeitpunkt ihrer Reise, wo es für sie möglich ist, am besten in dieser Zeit zu leben. Sie sind flexibel und nicht auf einen Ort festgelegt. Sie haben eine instinktive Sehnsucht nach einem Leben, wo es sich nicht nur zu überleben lohnt, sondern wirkliches Leben möglich ist.

„Ich bin das Licht der Welt und wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“

Johannes 8,12

Wir alle wünschen uns dieses Leben auf der Sonnenseite. Ein Licht in unserem Leben, das bewirkt, dass wir ein Ziel haben und auf dieses Ziel zulaufen. Dass ein Leben mit Gott nicht immer bewahrt vor schwierigen Zeiten…, das wissen wir…Und doch ist Gott Licht und Orientierung!

Gott braucht unser Vertrauen für einen solchen Aufbruch mit ihm. Nur mit dem Entschluss, ich will mein Leben unter der wichtigsten Stimme, meinem guten Antrieb führen, kann Gott uns ins Licht, ins Warme führen.

Gut ist, dass auch wir nicht als isolierte Zugvögel leben müssen. Es gibt andere Christen in unserem Umfeld, die mit uns diesen Flug, dieses Vertrauen wagen. Auch bei Ihnen ist es manchmal dunkel, gefährlich oder sie sind kraftlos. Vielleicht ist unsere Richtung, wohin wir gerade fliegen, nicht immer die gleiche. Dennoch können wir uns zu eigen machen, was uns die Zugvögel vormachen: Verliert der Vorflieger an der Pfeilspitze an Kraft, wird er ausgewechselt und darf an einer hinteren Position neue Kraft schöpfen. Bildlich gesprochen: Ich muss es nicht aus eigener Kraft schaffen, Gott ist mein Kraftgeber UND er gibt mir andere Menschen an die Seite, die an die Spitze fliegen können, wenn ich nicht mehr die Energie habe. Die Kraft, zu beten, zu hoffen, eine Gruppe anzuführen oder ich mein Ziel aus den Augen verloren habe…

Gott hat Menschen um dich herum in deine Lebensflugformation eingereiht, die mit dir zusammen den Flug (unter seiner Führung) bestreiten können.

„Der Weg der Zugvögel ist nicht leicht. Und doch folgen sie unbeirrt ihrer Bestimmung und fliegen an einen Ort, an dem es sich leichter leben lässt. Auch Menschen spüren diese Sehnsucht: So können die Geschöpfe der Luft Vorbild und Inspirationsquelle sein.“3

 

Vielleicht wirst du in den kommenden Wochen mal eine Zugvogelformation über dich hinwegfliegen sehen. Lass sie dir zum Sinnbild werden. Schau zum Himmel, hinter ihnen her und gleichzeitig zu Gott und ruf ihm zu: „Ja, dir will ich vertrauen, du bist mein Antrieb, mein bester Pilot!“

Ich wünsche dir viel Auftrieb in diesem Herbst, wenig Lebensstürme, gute Kameraden in deiner Formation und drei weitere Sachen:

  • den Mut, auch wen anders an der Pfeilspitze fliegen zu lassen
  • die Klarheit darüber, dass Gott dich sieht und du mit ihm immer in Richtung Helligkeit unterwegs bist
  • Gott versorgt dich, er kennt den Weg zu dem Platz, wo für dich wirkliches Leben möglich ist!

Bleib behütet in diesem Herbst, schenk auch du dir selbst Wärme und tu dir Gutes!

Es grüßt dich

Seeigel, die einen Kranich als Kettenanhänger sich gönnen wird, um immer wieder erinnert zu werden, wer ihre erste Stimme ist